Archiv

Wir sind dann mal weg...

Bis kurz vor der Abreise weiss man eigentlich gar nicht so recht, was es tatsächlich bedeutet, eine solche Reise anzutreten, eine so ungewisse und lange Reise. Da bewegt man sich in vagen Vorstellungen, schwammigen Ängsten und hibbeliger Vorfreude. Und immer denkt man sich: ich habe noch Zeit, Dinge zu erledigen, mich zu verabschieden, noch etwas zu kaufen, das auf der Checkliste noch nicht abgehakt ist. Es dauert immer noch diesen einen Monat, diese eine Woche, oder immerhin noch diesen einen Tag, bevor es wirklich losgeht. Man hat noch Zeit. Bis dann der Kalender plötzlich und vermeindlich völlig unangekündigt dieses Datum anzeigt, auf das man sich so lange gefreut hat, vor dem man sich aber auch immer ein bisschen gefürchtet hat: Der Tag der Abreise.
Und in diesem Moment wird alles auf ein mal viel deutlicher, die Anspannung wird jetzt ganz physisch, der Magen verkrampft sich ein bisschen und den ganzen Tag wird man dieses beklemmende Gefühl nicht los, irgendetwas unheimlich Wichtiges ganz sicher zu vergessen.


Wie dem auch sei, die Rucksäcke sind jedenfalls gepackt, der eine ein winzigkleinwenig voller als der andere (an manchen Frauenklischees ist halt einfach nicht zu rütteln).

Das Flugprogramm sieht folgendermassen aus:

07.45 Abflug ab Zürich
09.55 Ankunft in Madrid

12.00 Abflug ab Madrid
17.05 (Ortszeit, GMT-5) Ankunft in Quito, Ecuador

Fanis Mutter hat sich netterweise bereit erklärt, uns zu nächtlicher Stunde zum Flughafen zu chauffieren, damit wir das Flugzeug auch ja nicht verpassen. Da ans Schlafen jetzt überhaupt nicht zu denken ist, vertreiben wir uns mit verschiedenen Aktivitäten die Zeit (Fani geniesst ihren letzten Schweizer Ausgang während ich hier vor der Tastatur sitze und mir einen Wolf schreibe. Wer das ausser mir noch himmelschreiend ungerecht findet, kann seine Solidarität in den Kommentaren zum Ausdruck bringen. Danke.)


Für den Moment wärs das mal wieder, Updates gibt es hoffentlich in den nächsten Tagen aus Quito oder spätestens aus Cuenca, wo wir irgendwann Samstags ankommen sollten.

Bis dann,

--David

3 Kommentare 7.2.08 01:30, kommentieren



Es riecht nach Aufbruch
dabei ist erst Februar
ein Lachen streift durch
meinen Bauch und
glitzert durch die Poren

ich atme tief und fühl
das Prickeln auf der Haut
und manchmal hab ich Angst
vor so viel unverdientem Glück

es riecht nach Aufbruch
und mir wachsen kleine Flügel
mein Rücken ist nicht länger krumm

ich stehe schon auf meinen eignen Füssen
ein bisschen länger
Sonne noch und Wärme
und ich flieg
davon



Hans-Curt Flemming

 

aus Kitty Cat's "Lass uns aufbrechen"- Gedichtebuch

--Fani 

1 Kommentar 7.2.08 02:19, kommentieren

Erste Eindruecke

Um etwa 4 Uhr morgens fuhren wir gestern im Lieferwagen von Fanis Mutter in Guemligen los und erreichten ca. 2 Stunden spaeter den Flughafen Zuerich. Erstmal zum Check-In, Gepaeckabgabe etc., dann gingen wir fruehstuecken in einem Flughafen-Café. Die Stimmung lag inrgendwo zwischen Aufgeregtheit, Muedigkeit und Traurigkeit darueber, die Familie, Freunde und das gewohnte Umfeld hinter uns zu lassen. Um viertel nach Sieben verabschiedeten wir uns von Fanis Mutter und gingen durch die Passkontrolle. Dann Warten auf das Boarding. Vor uns stand schon eine lange Schlange, vorwiegend Ecuadorianer, nur vereinzelt sah man noch andere bleichkoepfige Gringos in der Masse. Irgendwann sassen wir dann tatsaechlich im Flugzeug, sahen die Haeuser und Strassen unter uns immer kleiner werden, und waren jetzt endgueltig unterwegs nach Suedamerika.

Die Fluege nach Madrid und anschliessend nach Quito waren, wie es Fluege so an sich haben, meistens einfach nur langweilig. Da wir sowieso noch einigen Schlaf von letzter Nacht nachzuholen hatten, war uns das allerdings anfangs recht egal. Mit dem Schlafen hatten wir jedoch nur maessigen Erfolg, da eine richtige Schlafstellung auf diesen Sitzen einfach nicht moeglich war. So doesten wir immer wieder ein und wenns gut ging schliefen wir etwa eine halbe Stunde am Stueck, mehr war nicht drin. So flogen wir im Wechselspiel zwischen Schlaf und Wach ueber den Atlantik. Als dann erst vereinzelte Inseln und dann der suedamerikanische Kontinent vor uns auftauchten, waren wir jedoch hin und weg (im wachen, positiven Sinn). Ein wunderbarer Anblick, der uns die ganzen Reisestrapazen vergessen liess.

13 Stunden Flugzeit waren bald ueberstanden, Venezuela und Kolumbien auch bald einmal ueberflogen und wir naeherten uns Quito mit wachsender Vorfreude, endlich Fuss auf diesen unbekannten Boden zu setzen. Das Fluegzeug setzte zum turbulenten Landeflug an und jedes kleine Absacken des Flugzeugs provozierte Adrenalinschuebe und aufgeregte Quiekgeraeusche bei den Passagieren. Die Landung dagegen war ganz sanft und die Piloten ernteten dankbaren Applaus.

Im Flughafen wartete die uebliche Prozedur bei der Passkontrolle auf uns, dann holten wir unser Gepaeck vom Fliessband. Endlich voll und ganz angekommen! Wir gingen zum Ausgang und standen eine Weile einfach nur dumm und perplex da, uns noch nicht ganz darueber im Klaren, was wir jetzt tun sollten. Eine junge Frau bemerkte unsere Planlosigkeit, nahm sich unser an und fuehrte uns zu einem Taxi. Wir warfen die Rucksaecke in den Kofferraum, stiegen ein, gaben dem Taxifahrer die Adresse unseres Hostels und liessen uns, begleitet von Salsa und Merengue, durch Quitos Strassen fahren.

Es war etwa fuenf Uhr und der Verkehr war immens. Hier faehrt jeder so ziemlich wie er will, Seitenblinker scheinen hier ein voellig unbekanntes Konzept zu sein, man verlaesst sich viel lieber auf Hupe und Bremsen. Trotzdem kamen wir unversehrt in unserem Hostel "Charles Darwin" an und wurden herzlich empfangen. Das Hostel ist wirklich schoen, mit sauberen Zimmern, Bad und einem kleinen Garten im Innenhof. Wir waren so muede, dass wir das Zimmer an diesem Abend gar nicht mehr verliessen. Auch wenn wir Hunger hatten, schlafen war jetzt wichtiger als essen. Und so legten wir uns schon frueh schlafen, erschoepft aber gluecklich, die erste Etappe geschafft zu haben.


Wir haben beide wunderbar geschlafen. Gegen halb neun standen wir auf und nahmen unser erstes ecuadorianisches Fruehstueck ein. Neben Toast mit Marmelade, Ei und Kaffe/Tee gab es noch Papayasaft und Melone. Ziemlich lecker. Da wir beschlossen haben, mit dem Bus und nicht mit dem Flugzeug nach Cuenca zu reisen (viel billiger und man sieht mehr vom Land), liessen wir uns am Vormittag von einem Taxi zur Busstation fahren. Naja, jedenfalls in die Naehe der Busstation (leichte Kommunikationsprobleme). Nachdem wir eine halbe Stunde umhergeirrt sind und manchen korrekten, manchen etwas weniger korrekten Wegbeschreibungen diverser Quitorianer gefolgt sind, waren wir endlich bei der Station. Fuer je 12 Dollar kauften wir Tickets fuer den 6-Uhr-morgens-Bus (komischerweise fahren am Vormittag keine weitern Busse nach Cuenca, dafuer etliche am Nachmittag). In einem grossen Supermarkt kauften wir dann Proviant fuer das morgige Fruehstueck und die Busfahrt, weil wir nicht ganz sicher sind, ob die waehrend der Fahrt Mittagspause machen. Wir entdeckten eine Sorte von Bananen, die eine rote Schale haben und kauften eine zum Probieren. Sie schmeckte gut, wie eine gelbe Banane nur etwas suesser vielleicht.
Nachdem wir die Einkauefe im Zimmer abgeladen hatten, gingen wir in eine kleine "Sandwicheria" Gemueselasagne essen. Leider war die bereits etwas kalt, ansonsten aber ziemlich gut. Fuer 3.50 jedenfalls kann man das verkraften.

Es ist hier sowieso alles unglaublich billig, auch die Taxifahrten, fuer die wir bis jetzt je nach Strecke 2 bis 6 Dollar pro Fahrt bezahlt haben (und dabei sicher noch Gringo-Zuschlag gezahlt haben). Waehrend diesen Fahrten sieht man viel von der Stadt und eigentlich sind Taxis sowieso die einzig in Frage kommende Art von Transport weil alle Busse gnadenlos ueberfuellt sind und das Gepaeck dort alles andere als sicher ist.

Als Fussgaenger hat man kein leichtes Leben in Quito. Strassenueberquerungen sind jedes mal ein kleines Abenteuer und die Autos haben immer und ueberall Vortritt. Es ist laut und die Abgase stinken. Aber dennoch ist Quito auf seine chaotische Art und Weise liebenswuerdig, einfach ganz anders als in Europa. Trotzdem hoffen wir, dass Cuenca etwas ruhiger und ueberschaubarer ist als dieses pulsierende, surrende Nest.

Am Nachmittag haben wir beide unsere Gastfamilie angerufen, natuerlich total aufgeregt. Aus Angst vor Blackouts schrieben wir zur Sicherheit alle Saetze auf Papier, die wir vielleicht brauchen koennten. Aber zum Glueck liefen beide Gespraeche ohne groessere Pannen ab und wir waren ziemlich erleichtert. Die ersten Eindruecke von unseren Gastfamilien, die wir durch das Telefon bekamen, waren auch sehr positiv und wir freuen uns beide sehr auf morgen, wenn wir sie dann richtig kennen lernen koennen.

Am Abend haben wir wieder nichts gegessen. Einerseits weil wir keinen Hunger hatten und vor allem weil mir (Fani) seit dem spaeteren Nachmittag schlecht war und ich ziemliche Bauchschmerzen hatte. Ich hoffe, dass es mir morgen fuer die lange Fahrt besser geht, sonst muss ich es noch bereuen, dass wir nicht das Flugzeug genommen haben...

Nagut, genug fuer heute. Ihr hoert wieder von uns wenn wir in Cuenca sind. Bis dann,

-- David und Fani

1 Kommentar 9.2.08 03:52, kommentieren

Von Quito nach Cuenca

Also, mittlerweile sind wir schon zwei Tage in Cuenca und entgegen aller Wahrscheinlichkeit sind wir noch am Leben. Aber der Reihe nach:

Quito, 9.2.08: Fruehmorgens weckte uns ein Geist im Bad unseres Hotelzimmers. Wer jetzt denkt, dass wir nach zwei Tagen schon vollkommen durchgedreht sind... hat vielleicht recht. Jedenfalls sind wir beide Zeugen einer Reihe unheimlicher Ereignisse geworden: Um unseren Bus nach Cuenca zu erwischen, stellten wir unsere Wecker auf 04:30. Noch schlaftrunken sahen wir, wie die Badezimmertuer ganz von alleine aufging. Das Licht war an, obwohl wir uns sicher waren, es am Vorabend ausgeschaltet zu haben. Einige Sekunden spaeter erlosch es wieder und die Tuere bewegte sich nochmals. Dann war Ruhe. Wir waren verstaendlicherweise etwas irritiert. Fani war jedoch der Meinung, dass es ganz sicher ein guter Geist war und liess David den Vortritt ins Bad. Ausser einem mulmigen Gefuehl blieb dann auch nichts vom Spuk zurueck.

Fani ging es zwar am Morgen etwas besser, so richtig freuen ueber die 11 Stunden Busfahrt konnten wir uns aber nicht. Der Bus fuhr einigermassen puenktlich um 6 Uhr in Quito ab. In der Morgendaemmerung sah die Stadt viel friedlicher aus und wir genossen, so gut es halt ging, die schoene Atmosphaere. Je weiter weg vom Zentrum wir waren, desto aermer und verslummter wurden die Gegenden, bis irgendwann nur noch Felder und Huegel zu sehen waren. Zwischendurch tauchten immer wieder kleinere Ortschaften auf, in denen Leute zu- oder ausstiegen. Auf richtigen Strassen fuhren wir nur kurze Zeit, meistens holperten wir ueber ungeteerte und schlammige Wege. Um ca. 12 Uhr machten wir an einer schmuddeligen Raststaette irgendwo in den Anden die erste und einzige Pause (die zudem mit 20 Minuten recht kurz ausfiel). Die Toiletten waren, wie zu erwarten, in einem nicht sehr guten Zustand. Aus Ruecksicht auf euch gehen wir jetzt nicht naeher darauf ein.

Nachdem wir uns mit Wasserflaschen versorgt hatten gingen wir zurueck zum Bus. Davor stand eine alte Frau und jammerte vor sich hin. Ihr Weinen war sogar noch im Bus zu hoeren und wir kamen uns irgendwie doof vor, weil wir nicht wussten wie wir ihr begegnen sollten. Wahrscheinlich werden wir in naechster Zeit noch viel mit solchen Situationen konfrontiert werden und wir hoffen, dann besser handeln zu koennen.

War die erste Haelfte noch recht ertraegliich, so war die zweite um so schlimmer, fuer beide von uns.

Fani: Die meiste Zeit sass ich gar nicht neben David, sondern legte mich in eine der hinteren Reihen, da es mir wieder schlechter ging. Ich versuchte zu schlafen, das klappte jedoch nicht so gut. Also lag oder sass ich einfach da und hoerte Musik. Die ganze Zeit dachte ich, es waere schoen ein paar Aufnahmen von den vorbeiziehenden Ortschaften zu machen, doch ich war zu erschoepft und mir war schlecht. Obwohl wir einen Tag Pause gamacht hatten, war es sehr anstrengend schon wieder 11 Stunden sitzen zu muessen und ich konnte die Bilder dieser so anderen Welt gar nicht mehr richtig aufnehmen. Ich erinnere mich noch an eine alte Frau, die am "Strassenrand" auf altmodische Weise Wolle sponn oder an die heruntergekommenen Huetten, vor denen Kinder spielten. Eine Reihe diagonal hinter mir sass ein Mann mittleren Alters und schlief...die meiste Zeit. Den Rest der Zeit verbrachte er damit mich zu beobachten und ich machte mir schon Gedanken, die ich jedoch wieder verwarf. Ploetzlich, kaum spuehrbar, fuehlte ich etwas auf meinem Hintern. Ich sprang auf und sah gerade noch wie dieser Typ seine Hand wegzog. "Geits eiglech no??!!", schrie ich ihn an, gefolgt vom einzigen spanischen Schimpfwort, das ich kenne: "Culo!" (Ich muss unbedingt besser fluchen lernen) Ich fluechtete zu David und hoffte auf ein baldiges Ende dieser Horrorfahrt. Die ganze Zeit ueber hatte ich Bauchschmerzen gehabt und nun fingen auch noch meine Beine und mein Ruecken vom langen Sitzen an weh zu tun. Die Zeit zog sich dahin und ich konnte einfach nicht mehr ausser weinen.

David: Irgendwie bekam mir das Essen wohl auch nicht so besonders und die anfaengliche Hoffnung, dass ich von Uebelkeit und Bauchschmerzen verschont bleiben wuerde, loeste sich nach etwa 6 Stunden Busfahrt langsam in Luft auf. Es fing ganz langsam mit leichtem Unwohlsein an und steigerte sich bis zum Ende der Fahrt zu starken Bauchkraempfen und Todeswuenschen. Je staerker die Schmerzen, desto langsamer schienen die Minuten zu verstreichen. Etwas Abwechslung bot mir nur meine Musik und der Brechreiz, der sich von einer Sekunde zur anderen bemerkbar machte. Ich hatte gerade noch genug Zeit, Fani um eine Plastiktuete zu bitten und mich etwas von ihr zu entfernen, bevor ... naja. Elegant entledigte ich mich der Tuete, indem ich sie kompromisslos aus dem Fenster warf (und dabei hoffentlich keine hinter uns fahrende Autos traf).

Irgendwann stiegen wir aber doch noch in Cuenca aus dem Bus, beiden immer noch hundeelend und beide eher wacklig auf den Beinen. So schnell wie moeglich schnappten wir uns je ein Taxi und fuhren zu unseren Gastfamilien.

 Fortsetzung folgt im naechsten Blog, nur soviel vorweg: Uns geht es wieder besser.

7 Kommentare 12.2.08 02:36, kommentieren

Eine ganze Menge Woerter

Eine kleine Ankuendigung vorneweg: Wir schreiben ab jetzt, zumindest waehrend wir hier in die Schule gehen, unsere Blog-Eintraege getrennt, weil wir nicht den ganzen Tag zusammen sind und somit natuerlich auch nicht das gleiche erleben. Ich (David) mache mal den Anfang, ich bin sicher Fani wird demnaechst auch wieder in die Tasten hauen.


Also dann mal los. Eigentlich wollte ich ja gerade am Anfang sehr viel regelmaessiger Eintraege schreiben, weils da halt am meisten zu erzaehlen gibt und um euch ein wenig bei der Stange zu halten Leider bin ich bisher noch nicht wirklich dazu gekommen, mich laengere Zeit hinzusetzen und meine Gedanken zu sortieren, weil einfach zu viel laeuft. Mittlerweile sind wir eine Woche in Cuenca und natuerlich kann ich nicht jeden Tag detailgetreu hier nacherzaehlen aber ich versuche, nicht all zu viel durcheinander zu bekommen und wenigstens ungefaehr die chronologische Abfolge der Ereignisse einzuhalten.


Wie im letzten Eintrag geschrieben, sind wir also samstagabends in Cuenca angekommen. Unerfreulicherweise sind auch meine Magenbeschwerden hier angekommen und die sorgten fuer ein paar recht beschissene erste Stunden. Das Taxi fuhr mich vom Ankunftsort durch gut befahrene Strassen in ein recht nobles Quartier (fuer suedamerikanische Standards), das suedoestlich des Stadzentrums liegt und kurvte dort etwas ratlos herum, weil der Taxifahrer von der angegebenen Strasse noch nie was gehoert hatte (Hausadressen bestehen aus zwei Strassen: die, an der das Haus liegt und die angrenzende Strasse, weshalb wir gluecklicherweise wenigstens einigermassen im richtigen Viertel waren). Auch seine Taxifahrer-Kollegen kannten die Strasse nicht. Na toll, mir scheint gleich der Bauch zu explodieren und allem Anschein nach wohnt meine Gastfamilie in einer Phantomstrasse. Aber zum Glueck konnte ein Passant dem Fahrer doch noch den Weg weisen und nach einer guten halben Stunde stand ich vor einem grossen Holztor und fuerchtete mich vor dem ersten Eindruck, den ich gleich bei meinen Gasteltern machen wuerde, weil mir nach Konversation in einer nicht beherrschten Fremdsprache gerade ueberhaupt nicht zumute war. Ich wollte einfach nur irgendwo schlafen und den Tag vergessen.

Ich klingelte an der Tuer, gab ein bemuehtes "Hola, soy David" durch die Gegensprechanlage und kurze Zeit spaeter streckte mir ein aeltere Herr mit Schlapphut, grosser Brille und Trainingsanzug die Hand entgegen, stellte sich als Enrique vor und hiess mich herzlich willkommen. Er bat mich ins Haus, wo mir eine ebenfalls etwas aeltere, kleine Frau mit kurzen dunklen Haaren entgegenkam und mich umarmte. "Soy Matilde" sagte sie. Ich war etwas verwirrt. Ich hatte diesen Satz zwar an diesem Tag noch erwartet, jedoch von einer etwa um die Haelfte juengeren Frau, so wie es im Informationsbrief der Schule stand (Siehe den Blogeintrag "Familienglueck" ). Die Frau benutzt also entweder eine etwas unvorteilhafte Hautcreme oder das war ganz einfach ein Fehler der Schule und meine ganzen Sorgen wegen des Altersunterschieds der beiden waren umsonst. Die zweite Erklaerung schien mir plausibler und ich konnte gleich mal ein wenig durchatmen.

Ich bedankte mich fuer den herzlichen Empfang und versuchte, dabei nicht all zu gequaelt auszusehen, was wohl gruendlich misslang, da mich Matilde gleich fragte, ob etwas nicht stimme. Ich deutete auf meinen Bauch und stammelte ein "no bueno". Sie verstanden gleich und brachten mich erstmal in mein Zimmer. Das Zimmer ist gross. Darin stehen ein Bett, ein Sofa, ein Schrank, eine Kommode und ein Tisch und eine Tuer fuehrt zu meinem eigenen Badezimmer, das ich an diesem Abend noch ein paar mal genauer betrachten durfte... Ich bekam ein etwas komisch schmeckendes Getraenk gegen Durchfall und Erbrechen und da ich mich nicht all zu gespraechig verhielt und mir anzusehen war, dass ich lieber bald einmal schlafen ging, wuenschten sie mir eine gute Nacht und ich legte mich ins Bett in der Hoffnung, dass mein Magen sich nach ein paar Stunden Schlaf erholen wuerde.


Dem war aber nicht so. Ich blieb mehr oder weniger den ganzen Tag im Bett, lehnte Fruehstueck und Mittagessen dankend ab und verbrachte den Tag damit, den Umschlag mit den (diesmal korrekten) Informationen der Sprachschule anzusehen. Neben einer Stadtkarte, diversen Broschueren und anderen Infos war auch eine etwas detailliertere Beschreibung meiner Gastfamilie darin. Darin stand zum Beispiel, dass Matilde mit 64 sogar zwei Jahre aelter ist als Enrique, dass beide pensioniert sind, 4 Kinder haben und dass eine Tochter, Ana Lucia (34), wieder zu Hause wohnt, zusammen mit ihrem 7-jaehrigen Sohn Mateo. Also eine ganze menge Sachen, die ich vorher gar nicht wusste.

Am Abend traute ich mich dann zum ersten mal aus dem Bett, ich hatte den ganzen Tag Durchfall und musste erbrechen, aber so langsam schien es mir wieder besser zu gehen. Meine Gasteltern freuten sich jedenfalls sehr, dass es mir wieder besser geht. Essen mochte ich aber immer noch nichts, da traute ich meinem Magen noch zu wenig. Ich unterhielt mich zum ersten mal ein bisschen mit Matilde und Enrique und war doch recht froh, als sich herausstellte, dass Enrique wenigstens ein bisschen Englisch spricht. So kann er immer mal wieder Woerter oder Saetze uebersetzen, die ich gar nicht verstehe. Ich erfuhr, dass die beiden schon sehr viele Gastschueler bei sich aufgenommen haben, darunter auch sehr viele Schweizer. Ich kam mir dann ein bisschen bloed vor, als ich ihnen spaeter die zwei Toblerone-Riegel uebergab, von denen ich dachte, dass die n wirklich gutes Geschenk seien. Natuerlich war ich nicht der erste, der auf diese glorreiche Geschenkidee kam aber sie haben sich trotzdem sehr darueber gefreut.

Ana Lucia, die alle nur Analu rufen, durfte ich dann auch noch kennen lernen. Ich weiss nicht ob es ein Vor- oder Nachteil ist, dass sie fast perfekt englisch kann (durch ihren mehrjaehrigen Kanadaaufenthalt, als sie etwa in meinem Alter war), jedenfalls beginnen wir jedes Gespraech auf spanisch, nur um dann nach ein muehsamen Saetzen auf englisch zu wechseln. Wir kommen gut zusammen aus und ich mag sie sehr. Ihren Sohn Mateo sehe ich nur selten, meistens ist er in seinem Zimmer und schaut fern. Aber ich bin ganz froh darueber, weil mit Kindern kann ich sowieso nicht wirklich gut. Ach, uebrigens kann ich Analus PC benutzen um im Internet zu surfen, das erspart mir den Weg ins Internetcafé, was ich natuerlich sehr unterstuetze.

Also, ich spuerte wie es mir immer besser ging und war, als ich schlafen ging, guten Mutes, dass ich am naechsten Morgen, meinem ersten Schultag, einigermassen fit sei. Und ich fuehlte mich dann auch ganz okay, obwohl ich immer noch nichts essen mochte. Um halb acht begleitete mich Matilde zur Schule. Je nach Lauftempo benoetige ich 15-20 Minuten fuer den Weg, der erst durch ein mehr oder weniger ruhiges Wohnviertel und dann am schoenen Fluesslein Tomebamba entlang fuehrt. An diesem Fluss liegt auch die Schule, man muss allerdings erst die "Escalinata" hinaufsteigen, einer schoenen Treppe, die vom Fluss hinauf zur kolonialen Altstadt fuehrt.
Die Schule ist recht gemuetlich, mit vielen kleinen Klassenraeumen, in denen maximal zu fuenft, meistens aber nur zu dritt oder zu viert unterrichtet wird. Draussen ist ein schoener kleiner Garten angelegt, in denen man die Pausen verbringen kann. Ein beliebter Aufenthaltsraum ist auch die Kueche, in der man Wasser, Tee und Kaffee bekommt. Ganz nuetzlich ist auch, dass gleich neben der Schule die "Wunderbar" steht, wo man sich vorzugsweise zum Ausgang trifft.

Als erstes auf dem Programm stand der Einstufungstest. Wir waren zusammen drei Neuankoemmlinge diese Woche: Fani, ich und Nicole, die aus Luzern kommt. Das mag vielleicht wie ein Riesenzufall erscheinen, dass wir gleich jemanden aus der Schweiz kennenlernen, tatsaechlich sind aber geschaetzte 60-70% der Schueler Schweizer. Der Rest stammt vor allem aus den USA, dazwischen sind noch ein Englaender, eine Schwedin und eine Franzoesin eingestreut (das sind zumindest die, die ich bis jetzt kenne).
Wir machten den Test so gut wir eben konnten (was heisst, das mindestens vier Fuenftel des Tests leer blieben) und wurden dann auf einen kleinen Rundgang durch die Altstadt von Cuenca gefuehrt.

Ein paar Fakten zu Cuenca:

Die Stadt hat etwa 400.000 Einwohner und liegt auf gut 2500 Metern ueber dem Meeresspiegel. Sie ist hinter Quito und Guayaquil die drittgroesste Stadt Ecuadors. 1999 wurde die koloniale Altstadt von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklaert.

Im Gegensatz zu Quito ist Cuenca sehr viel entspannter, ruhiger und einfach schoener. Die Architektur ist wirklich beeindruckend, die Fluesse (deren vier durch Cuenca fliessen: Tomebamba, Yanuncay, Machángara und Tarqui) tragen zum relaxten Flair massgebend bei. Viele kleine Plaetze und Parks laden zum Nichtstun ein. Nur der recht wilde Verkehr truebt das Gesamtbild ein bisschen (wobei Quito natuerlich auch in diesem Punkt sehr viel extremer ist).

Fani und ich wurden zusammen in eine Klasse eingeteilt, die sonst nur noch aus Marc besteht, der, o Wunder, auch aus der Schweiz ist, genauer gesagt aus Zuerich. Marc kam eine Woche frueher nach Cuenca, hatte aber Schwierigkeiten mit den anderen mitzukommen und so ist er jetzt mit uns in der Klasse. An diesem Tag waren wir nur kurz im Unterricht. Dieser besteht aus 4 Lektionen am Vormittag (2 Grammatik bei Tamara + 2 Konversation bei Lucia), sowie ungefaehr 2 Stunden Kunst - und Handwerkunterricht am Nachmittag mit Fabiola.
Also, nach der ersten nicht sehr ereignisreichen Lektion hatten wir Mittagspause und ich ging nach Hause mittagessen. Es gab Locro de Queso, eine Kaese-Kartoffel-Suppe. Mehr als ein paar Loeffel kriegte ich nicht herunter, obwohl es mir sehr gut schmeckte. Mein Magen wollte einfach nicht. Aber ich spuerte, wie es mir immer besser ging.

Das Mittagessen ist eigentlich die einzige Zeit, wo ich meine Gasteltern laenger als ein paar Sekunden sehe, ansonsten bin ich eigentlich recht unabhaenging von meiner Familie (was durchaus eine gute Sache ist, nicht weil ich sie nicht mag, sondern weil ich einfach gerne selber meinen Tag bestimme). Matilde ist eine sehr gute Koechin, sie kocht praktisch ohne Fett und abwechslungsreich. Es gibt hier unglaublich viele verschiedene Sorten Mais, Bohnen und Fruechte, die wir in Europa ueberhaupt nicht kennen. Das Essen schmeckt mir generell sehr gut und ich hatte, seit es mir wieder besser geht, keinerlei Probleme mit der Verdauung.

Der Kunstkurs am Nachmittag findet bei Fabiola zu Hause in ihrem Atelier statt. Wie wir erst kuerzlich erfahren haben, ist die bescheidene Frau eine recht bekannte Kuenstlerin hier in Cuenca, die schon das Fernsehn bei sich hatte und etliche Zeitungsartikel vorzuweisen hat. Neben Ausstellungen macht sie auch Restaurationsarbeiten fuer die Stadt oder fuer Hotels und dergleichen. Etwas doof ist die Tatsache, dass wir dachten, dass wir nur an zwei Nachmittagen in der Woche Kunstunterricht haetten, stattdessen findet er jeden Tag statt, so dass wir eigentlich kaum Freizeit haben. Wir dachten schon daran, naechste Woche vielleicht nicht jeden Tag zu gehen. Aber alles in allem gefaellt uns der Unterricht doch ganz gut und wir haben schliesslich auch schon dafuer bezahlt, also what the hell.
Montags begannen wir damit, uns unsere Finger ein wenig mit Ton schmutzig zu machen, richtig gute Ergebnisse kamen dabei aber, wie erwartet, nicht heraus. Aja, ich habe ganz vergessen zu erwaehnen, dass eine Amerikanerin namens Christina ebenfalls im Kurs ist (oder besser gesagt war, am Freitag reiste sie ab). Sie ist zwar nett aber nicht wirklich sehr gespraechig, was natuerlich auch daran liegt, dass Fani und ich die ganze Zeit schweizerdeutsch miteinander reden. Ich kann schon verstehen wie das fuer sie nicht wirklich angenehm ist. Aber die Muttersprache kann man halt schlecht abschalten.

Nach zwei Stunden und einigen missglueckten Versuchen, dem Ton irgendeine aesthetische Form zu verpassen, war der Unterricht fuer heute vorbei und ich ging den kurzen Weg vom Atelier nach Hause. In Ecuador, oder zumindest bei meiner Gastfamilie, wird eigentlich nichts zu Abend gegessen. Da ich sowieso immernoch keinen Hunger hatte, war mir das reichlich egal. Ich verschwand bald einmal in meinem Zimmer und machte mich hinter die Hausaufgaben, die zum groessten Teil aus Verben konjugieren bestanden. Zu mehr reichte es an diesem Tag nicht mehr und schon frueh ging ich ins Bett, recht erschoepft aber zufrieden mit dem Erlebten.

Dienstagmorgens ging es mir wieder so gut, dass ich sogar eine Banane fruehstuecken konnte (was enorm ist, wenn man bedenkt, dass ich morgens auch unter normalen Bedinungen kaum einen Bissen herunterbekomme). Dann ging ich, diesmal ohne Begleitung (der Weg ist auch nicht wirklich kompliziert), um 7.20 zur Schule, der Unterricht faengt viertel vor Acht an.
Das Programm unter der Woche eigentlich mehr oder weniger jeden Tag das gleiche, ich erspare euch also langweilige Wiederholungen und mir viel Getippse, wenn ich das Beschreiben des Unterrichts weglasse, wenn nichts erwaehnenswertes passiert ist. Es sei nur so viel gesagt, dass ich eigentlich recht gut mit dem Unterricht mitkomme, dass Marc jedoch das Tempo recht bremst, weil er zum Teil recht Probleme hat, den Stoff zu begreifen.

Das mittagliche Ritual besteht aus Essen und Schlafen, bis ich um 3 Uhr zum Unterricht bei Fabiola gehe. Ich schlafe sehr viel. Teils weil die neuen Eindruecke natuerlich recht viel Energie beanspruchen, teils weil sich der Koerper an die grosse Hoehe von 2500 Metern erst einmal gewoehnen muss. Im Kunstunterricht machten wir diesmal eine Stadtrundfahrt mit Fabiolas Jeep und wir sahen Cuenca aus allen Richtungen. Der Hoehepunkt des kleinen Ausflugs war aber nicht fuer die Augen, sondern fuer den Gaumen. An einem Imbissstand assen wir zu Fruchttrinkjogurt "Pan de Yuca", salziges, teigiges Brott aus einer kartoffelaehnlichen Pflanze. Unglaublich lecker, vor allem in Kombination mit dem suessen Jogurt.

Schon den ganzen Tag ueber herrschte in der Stadt eine leichte Hibbeligkeit, denn an diesem Abend stand ein sportliches Grossereignis auf dem Programm. Deportivo Cuenca empfang die Estudiantes irgendwo aus Argentinien (man kann sich nicht alles merken) im eigenen Stadion. Das war natuerlich der Gespraechsstoff Nummer eins und ich wollte mir das Ereignis nicht entgehen lassen. Fast die ganze Schule wollte zum Match und ich konnte Fani ueberreden, ebenfalls mitzukommen. Die Karten kosteten je 15 Dollar, was nicht wirklich billig ist, aber was solls, sowas sieht man nicht jeden Tag. Wir verabredeten uns mit den anderen eine Stunde vor Spielbeginn bei der Schule und liefen zum Stadion. Schon um das Stadion herum herrschte ein wildes Durcheinander. Ueberall wurden die roten Trikots der Heimmannschaft angeboten und an jeder Ecke wurde Essen verkauft. Wir zwaengten uns dann bald einmal ins Stadion hinein, das mit 20'000 Zuschauern natuerlich restols ausverkauft war. Die Stimmung war zwar nicht euphorisch, aber spaetestens beim Einlauf der Mannschaft aus Cuenca standen alle. Fackeln aus Zeitungspapier wurden angezuendet (was zwar schoen aussah aber nicht ganz ungefaehrlich war), "Cuenca, Cuenca"-Fangesaenge wurden angestimmt und alle warteten auf den Anpfiff.

Ich bin zwar sonst nicht der groesste Fussballfan der Welt, aber irgendwie hat diese Atmosphaere schon etwas an sich, eine Art aggressives Gemeinschaftsgefuehl. Kein Wunder, dass es dabei immer wieder zu gewalttaetigen Ausschreitungen kommt. Das Spiel war im grossen und ganzen munter aber torlos, bis kurz vor der Pause (ich nuckelte gerade genussvoll an meinem zweiten grossen Bier) als wir - in der falschen Platzhaelfte sitzend - den Ball irgendwie ins Tor der Argentinier kullern sahen. Dann brach natuerlich die Hoelle los und das ganze Stadion jubelte, wir mittendrin. mit 1-0 fuer Cuenca ging das Spiel in die Pause. Kurz nach dem Anpfiff der zweiten Halbzeit begann es zu regnen. Zuerst nur schwach, dann immer staerker, und ich dankte mir selber, dass ich meine Regenjacke mitgenommen hatte. Die anderen, wetterstrategisch weniger versierten, Zuschauer stuermten zu den Plastiktuetenverkaeufern, um sich wenigstens ein bisschen vor dem Regen zu schuetzen. Die Stimmung flachte daraufhin verstaendlicherweise ziemlich ab und nur die vielen Chancen der Estudiantes vermochten noch ein paar Reaktionen aus den Zuschauerraengen zu entlocken. Aber am Spielstand aenderte sich bis zum Schluss nichts mehr und waehrend die Cuencanos ihren Sieg feierten, machten sich Fani und ich mit ein paar Amis unserer Schule aus dem Stadion, um zusammen auf den Erfolg "unserer" Mannschaft noch etwas trinken zu gehen.

Das taten wir (oder zumindest ich) dann auch in Mengen. Ich war sowieso schon recht gut beisammen von meinen drei Bier im Stadion und so machte ich in der Bar auch weiter. Alles in allem wars dann auch ein recht lustiger Abend, wir lernten ein paar junge Cuencanos kennen, mit denen wir an den kommenden Tagen noch ab und zu was unternahmen, und irgendwann gegen halb eins nahmen wir jeder ein Taxi nach Hause.

Die kommenden Tage lebte ich mich dann mehr und mehr in Cuenca ein, machte mich mit der Umgebung bekannt, hatte gute, lange Gespraeche mit Analu und war meistens in einer guten Stimmung. Ich mag das Wetter in Cuenca, es mit 20 Grad am Tag nicht zu heiss und es ist einfach angehem, in dieser Fruehlingsatmosphaere durch die Strassen zu schlendern oder im Park zu sitzen. Zwar regnet es recht viel, aber meistens nicht sehr lange und nach einer kurzen Schauer scheint meist wieder die Sonne zwischen den Wolken hindurch.

Bei Fabiola habe ich ein Muehlespiel aus Ton gemacht, das ich naechsten Montag anmalen kann und dann wahrscheinlich meinen Gasteltern schenke, weils doch ein wenig zu zerbrechlich und umstaendlich zum mitnehmen ist. Die Schule am morgen ist nicht wirklich anspruchsvoll, wir nehmen uns viel Zeit mit der Grammatik. Mehr Sorgen macht mir dagegen mein Wortschatz, weil ich mir manche Woerter einfach nicht merken kann. Ich bin auch nicht wahnsinnig motiviert, Spanisch zu lernen, weil ich wirklich nur das Ziel habe, mich in Suedamerika durchschlagen zu koennen, mehr aber auch nicht. Aber es geht auch ohne viel zu lernen recht gut vorwaerts und ich kann mich mit meinen Gasteltern schon recht gut ueber meinen und ihren Alltag austauschen.

Donnerstagabends war fakultativer Kochkurs, den Fani und ich besuchten. Naja, Kochkurs ist vielleicht etwas ubertrieben, denn effektiv schauten wir einer Frau zu Hause beim Kochen zu und konnten ein paar Handlangerarbeiten verrichten. Aber das war schon ok, wenigstens konnten wir dann beim Essen auch ordentlich zugreifen und es hat auch gut geschmeckt. Es gab eine Maissorte (deren Namen mir entfallen ist) mit Eiern und Kartoffel-Kaese-Kuechlein, dazu Salat und "Tomate de arbol"-Saft (eine Frucht, woertlich uebersetzt heisst sie Baumtomate). Nach dem Essen fuhren wir mit dem Taxi zurueck zur Schule, wo sich die Gruppe aufteilte. Ein Teil ging was trinken, ein Teil ging nach Hause und Fani hat sich beim Internetcafé mit ein paar amigos vom Dienstagabend verabredet. Ich hatte zwar ueberhaupt keine Lust, dort zu warten und wollte eigentlich nur kurz was trinken, gesellte mich dann aber doch zu Fani und ein paar anderen Leuten.
Wir warteten lange, zu lange, und meine Laune, die schon den ganzen Tag ueber nicht die beste war (wer mich kennt, weiss, dass ich dazu nicht unbedingt gute Gruende brauche) verschlechterte sich zunehmend. Irgendwann schloss sich dann eine Gruppe von vielleicht 8 Personen zusammen und lief los, ich hatte keine Ahnung wohin, aber wenigstens war jetzt Bewegung da. Wir kamen nach etwa 10 Minuten zu einem Haus, das nicht wirklich nach Bar aussah, und wurden hineingebeten. Oben warteten ein paar leere Zimmer auf uns. Toll. Ich wollte was trinken und bin hier in irgend einem besetzten Haus gelandet. Ich setzte mich an die Wand, spielte etwas auf der Gitarre, die mir in die Hand gedrueckt wurde, hatte aber nicht wirklich Lust, legte die Gitarre weg und wartete darauf, dass etwas passiert. Fani unterhielt sich mit einem Typen und ich wollte eigentlich gehen aber das waere dann auch etwas unhoeflich.
Also wartete ich, irgendwann ging dann jemand Vodka kaufen, an dem ich mich mit einem Dollar beteiligte. Vom Vodka bekam ich dann etwa eine halbe Tasse. Scheissstimmung. Irgendwann um halb elf oder so ging ich dann endlich, wer weiss was mich so lange dort gehalten hat. Wenn ich mir wenigstens gemerkt haette, wo ich langgelaufen bin... Alle Taxis waren besetzt und ich war irgendwo in Cuenca. Ich lief einfach mal los, bin sicher auch ein paar mal im Kreis gelaufen, aber irgendwie kam ich dann in mir bekanntere Viertel, wo ich mich endlich orientieren konnte. Ganz angenehm war es zwar nicht, zu dieser Uhrzeit allein unterwegs zu sein, aber irgendwie musste ich ja nach Hause kommen. Irgendwann gegen halb zwoelf war ich dann im Bett und die schlechte Laune hielt sich bis in den naechsten Morgen.

Ich weiss nicht, was genau es war, das meine Stimmung so runter brachte, aber seit Donnerstagabend fuehle ich mich etwas "down", mal mehr, mal weniger. Ich bin sehr oft muede, ging am Freitagabend gar nicht raus, sondern ging etwa schon um halb zehn schlafen. In der Schule sind mir die meisten Leute nicht wirklich sympathisch, natuerlich gibts auch da Ausnahmen, aber im grossen und ganzen haben ich bei keinen der Gruppen Anschluss gefunden. Aber ich bemuehe mich auch nicht wirklich. Ich bin halt irgendwie zu waehlerisch, mit welchen Leuten ich meine Zeit verbringen will und mit welchen nicht.

Am Samstag organisierte die Schule einen Ausflug in den "desierto de jubones", wofuer Fani und ich uns eingeschrieben hatten. Um neun Uhr morgens fuhren wir in einem Kleinbus richtung Pazifik, durch wunderschoene Landschaften, bei denen man sich erst mal wundert, wie viele verschiedene Gruentoene es gibt. Nach 2 Stunden kamen wir an unserem Zielort an, einer zerkluefteten Huegellandschaft, die einfach zum Wandern einlaedt. Ich konnte zum ersten mal meine Wanderschuhe ausprobieren, die man auf den steilen Weglein auch dringend noetig hatte, um nicht auf der schlammigen Unterlage die ganze Zeit wegzurutschen. Es war recht heiss, wir waren schliesslich auch "nur noch" auf 1500 Metern ueber Meer. Wir liefen ein paar Stunden umher, und trotz gutem Wetter, zumindest teilweise netten Mitmenschen und keinerlei koerperlichen Beschwerden, war ich irgendwann einfach nur noch traurig, ich weiss nicht einmal worueber, aber wie gesagt, wer mich kennt...

Zur Mittagspause, bevor wir mit dem Bus wieder zurueckfuhren, sass ich dann etwas von den anderen entfernt am Ufer eines Flusses und blies Truebsal. Fani versuchte mich anfangs noch rueberzuholen zu den anderen, auch Luke, der sympathische Ami mit leichter Paranoia, versuchte mich aufzuheitern aber das nuetzte alles nichts, ich war halt in dieser melancholischen Stimmung drin, und da kriegt man mich schwer wieder raus. Naja, schade um den schoenen Tag. Wieder zu Hause wollte ich um acht Uhr ein kurzes Nickerchen einlegen vor dem Ausgang, habe dann aber glatt bis heute morgen durchgeschlafen. Seis drum, wenigstens konnte ich mich so nicht ins Koma trinken.

Ich weiss, ich sollte mich eigentlich freuen, hier sein zu duerfen, diese ganzen neuen Erfahrungen zu machen. Vielleicht bin ich undankbar, wenn ich das alles mit meinen negativen Gedanken kaputtmache. Aber ich kann halt nicht aendern, wer ich bin, auch nicht auf einem anderen Kontinent. Heute gehts mir immerhin wieder besser, auch wenn mir immernoch ein wenig melancholisch zu Mute ist. Und, was mich auch etwas positiver stimmt, ich habe endlich diesen lange faelligen Blogeintrag geschrieben. Der ist zwar etwas loechrig, aber im grossen und ganzen habe ich hoffentlich alles Wichtige reingetan, das rein musste.


Danke uebrigens fuer die vielen Kommentare und Gaestebucheintraege, hat uns sehr gefreut zu sehen, dass so viele Menschen zu Hause mitlesen.

Bis zum naechsten mal,

--David

4 Kommentare 17.2.08 23:12, kommentieren

7 Jahre Regen...

... so kommt es mir jedenfalls vor. Tatsaechlich sind es "nur" 7 Tage, an denen es in Cuenca nun fast pausenlos durchgeregnet hat. Hier hat das gerade mal dazu gereicht, das Fluesschen Tarqui ueber die Ufer treten zu lassen, sonst gibt es hier ausser grosser Pfuetzen und ein paar Stromausfaellen nichts zu beklagen. Andere Gebiete in Ecuador kamen nicht so glimpflich davon, vor allem an der Kueste sind die Schaeden gross. 16 Menschen kamen bisher in den Wassermassen ums Leben und tausende sind obdachlos geworden. Das drueckt irgendwie schon aufs Gemuet. Waere ich jetzt in der Schweiz, haette ich - sofern man davon bei euch ueberhaupt etwas mitbekommen hat - ueber diese Tragoedie wohl kaum mehr als ein paar Sekunden nachgedacht, dafuer passiert einfach zu viel auf der Welt. Jetzt wo mich etwas mit diesem Land verbindet, gelang alles viel naeher an mich heran. Natuerlich auch, weil ich rein geographisch naeher damit verbunden bin, aber ich denke (hoffe), dass ich auch in Zukunft einen groesseren Bezug zu den Ereignissen haben werde, die hier passieren. Es ist dieser persoenliche Kontakt zu dem Land und den Menschen, den man nur auf Reisen erfahren kann. Er ist noetig, um austrockenen Statistiken und kuehlen Ueberschriften etwas Reales, emotional Zugaengliches zu machen.

Aber natuerlich lebe ich hier trotz allem meinen Alltag weiter. Der war zwar diese Woche nass, kuehl und grau und damit positiven Gedanken alles andere als foerderlich. Aber nach meinem emotionalen Absturz letztes Wochenende ging es mir dann ab Montagabend, ca. 20 Uhr, wieder besser. Das hatte vier Gruende: Mojito, Vodka Tonic, Black Russian und Anna. Und obwohl Anna mit geschaetzten 0.7 Promille deutlich am wenigsten Alkoholgehalt von den vieren hatte, half sie mir doch am meisten, wieder aus meinem Loch heraus zu kommen.

Ohne jetzt ein zu lautes Loblied auf den Alkohol anstimmen zu wollen (so denkt doch bitte mal jemand an die Kinder!), einen schoenen Nebeneffekt hat er ja: Er senkt die Hemmschwelle so weit, dass man sich, wenn man fuer sich an einer Bar hockt, in Gespraeche reinquatschen kann, die einen eigentlich gar nichts angehen. Ganz besonders einfach geht das in Suedamerika, wenn das Gespraech netterweise auf deutsch gefuehrt wird. Und wenn alles gut laeuft, hat man dann irgendwann fuer die naechsten drei Stunden eine nette, huebsche Gespraechspartnerin gegenueber sitzen, mit der man ueber ein paar Glaesern "ruso negros" einbisschenwasvonsicherzaehlt und einbisschenwasvomandernerfaehrt und alles in allem denkt man dann, dass das Leben eigentlich doch ganz ok ist.

In einem Film (mit Hugh Grant in der Hauptrolle) wuerde sich daraus jetzt eine unglaublich romantische Geschichte entwickeln. Aber da das kein Film ist, und ich leider nicht Hugh Grant, verhaelt sich das natuerlich anders. Anna hat naemlich nen Freund, Nico, den sie letzten September auf Galapagos kennengelernt hat. (Fuer Hugh Grant waere das wahrscheinlich noch kein all zu grosses Problem). Sie wohnt hier in Cuenca mit ihm zusammen (Da bekommt Hugh Grant schon ein paar kleine Schwierigkeiten). Und sie wollen heiraten, so schnell wie moeglich, um dann zusammen nach Deutschland zu ziehen. (Da hat wohl selbst Hugh Grant keine Chancen mehr).

Oooookay.

Auch nachdem ich ihr mit meinen alkoholschwangeren Rhetorikkuensten meine Bedenken kundtat, dass das doch alles viel zu schnell gehen wuerde mit dem Heiraten, laechelte sie nur vertraeumt in den Raum hinein und blieb bei ihrem Plan. "Man kann sich ja immernoch scheiden lassen." Aber sonst ist sie eigentlich ganz normal (doch, wirklich). Naja, wir haben dann Handynummern ausgetauscht und sind dann so gegen 23 Uhr nach Hause gegangen, beide ziemlich blau fuer nen Montagabend, aber passt scho'.

Fun Fact: Diese Woche kam ne neue Studentin an die Schule, Vera, auch aus der Schweiz, auch aus Bern, auch ehemalige Lerbermatt-Schuelerin. Ich war damals sogar 3 Stunden pro Woche mit ihr zusammen im EF Religion. Ich habe erst Freitagabend das erste mal ein Wort mit ihr gewechselt, und das auch nur, weil wir in der Bar gezwungenermassen nebeneinander sassen. Ja, wir sind uns wirklich sympathisch.

Ahja, Alexandra ist neuin unserer Spanischklasse, wir waren also letzte Woche zu viert. Natuerlich ist auch sie aus der Schweiz (ne, echt jetzt?), aus St. Gallen naemlich. Sie ist sehr, sehr gespraechig. Aber nett.

Wegen des Wetters habe ich in dieser Woche nicht wirklich viel gemacht, ausser mein Buch fertig gelesen (Peter Hoeg: Fraeulein Smillas Gespuer fuer Schnee, in Ecuador irgendwie komisch zu lesen) und Hausaufgaben gemacht. Das Spanisch geht glaub ich ganz gut voran; wir haben neben dem Praesens und dem Futuro Proximo endlich auch die einfache Vergangenheit gelernt, was die alltaegliche Konversation um einiges leichter macht (Wer will schon staendig Zeitlinien in die Luft zeichnen).
Wenn ich Lust hatte, ging ich abends manchmal raus, um was trinken zu gehen, manchmal war ich aber einfach zu muede. Ich krieg wahrscheinlich immer noch zu wenig Sauerstoff hier oben.

Mittwoch ging ich abends raus. Erst ging ich mit Marc und seiner Kollegin Melanie was trinken. Marc wurde mir in letzter Zeit immer sympathischer und auch Melanie ist wirklich easy im Umgang (obwohl beide Zuercher sind ). Spaeter gingen wir dann noch was kleines essen. Das war das erste mal, dass ich abends was gegessen habe hier in Cuenca, weil meine Gastfamilie abends nicht kocht, dafuer mittags reichlich. Nach dem leckeren Abendessen schaute ich noch bei Fani und ein paar anderen Leuten aus der Schule vorbei, die sich in einer anderen Bar versammelt hatten, da wars mir aber eindeutig zu laut und ich war froh, als Anna anrief. Wir verabredeten uns in der Wunderbar und das komplettierte dann meine Ausgangsrunde, mit noch mehr Alkohol und noch mehr Geplauder (mit The Streets, Jack Johnson und Coldplay war die Hintergrundmusik aber deutlich dezenter als vorhin). Irgendwann nachts liefen wir wieder zurueck nach Hause, und da wir so ziemlich den gleichen Weg haben war das auch ziemlich lustig.

Am naechsten Morgen hatte ich einen Kater. Warum der Kater Kater heisst, habe ich nie verstanden. Das tut den armen flauschiegen Tierchen doch vollkommen unrecht. Hier in Ecuador benutzt man den Ausdruck "chuchaqui", der aus der Indigenensprache Quechua stammt. Als engagierter Katerschuetzer werde ich also kuenftig nur noch diesen Begriff verwenden (und ich befuerchte, ihn noch oft verwenden zu muessen).

Am naechsten Morgen war ich also ein bisschen chuchaqui. Das und der Regen liessen mich dann den ganzen Nachmittag schlafen, nur fuer die Kunst- und Handwerk-Klasse bewegte ich mich aus dem Bett. Dann ging ich wieder schlafen.

Freitag war am Abend wieder Clase de cocina und diesmal konnten wir nicht einmal beim Saftpressen helfen weil das ganze Menu eigentlich schon gekocht war. Aber ich will mich ja nicht beklagen, besser nicht kochen und dann essen als kochen und dann nicht essen. Zur Abwechslung (ha-ha) gingen wir anschliessend was trinken. Da sonst nirgendwo genug Platz war, landeten wir zum schluss wieder mal in der Wunderbar, wo dann im Verlaufe des Abends fast die ganze Schule versammelt war. Natuerlich war ich irgendwann wieder scheisse drauf, wie das immer der Fall ist, wenn ich mit groesseren Gruppen zusammen bin, die ich nicht oder nur wenig kenne. Es ist zu laut, es ist zu chaotisch und ich kann mich in keinem Gespraech halten. Dann wurden noch die Fotoapparate gezueckt und wie die im Krieg wurde auf einander geschossen und das war mir dann endgueltig zuviel. Ich gab Fani nen 5er fuer die Getraenke, verabschiedete mich knapp und floh nach draussen. Erneut ein guter Start ins Wochenende!

Wie fast jeden Samstag wurde auch diesmal ein Ausflug von der Schule organisiert, ich ging aber nicht. Stattdessen hatte ich mit Anna abgemacht, die leider ein bisschen krank war. Das Nachmittagsprogramm war dann auch dementsprechend eingerichtet. Nachdem sie mir bei sich zu Hause ihre Strickarbeiten gezeigt hatte (die sie dann auf Maerkten verkauft) schlenderten wir zum Einkaufszentrum, hockten uns dort in ein Cafe und assen Schokofruechte. Dann besuchten wir Nico in seinem Buero (er ist Grafikdesigner), gingen dann aber bald wieder, weil da alle ziemlich angepisst waren da die ganze Zeit der Strom ausfiel. Wir spazierten ins Zentrum, hockten uns wieder in ein Cafe, tranken viel Tee und bemitleideten uns gegenseitig, weil halt alles besser laufen koennte.

Sonntag machte ich eigentlich das gleiche, nur ohne Anna. Das heisst, ich ging in die Stadt, sass in ein paar Cafes, schlenderte herum und ging zurueck. Das hat mir zwar gar nicht schlecht gefallen, ich war dann trotzdem froh, dass Annalu zuhause war, mit der ich mich wieder gut und lange unterhalten konnte. Auf Englisch.

Die zweite Woche war also ziemlich aehnlich wie die erste, mit Hochs und Tiefs, dazwischen die "mas o menos"-Tage. Aber das wird schon alles gut gehn, glaube ich.

Hasta luego,

--David

3 Kommentare 25.2.08 23:04, kommentieren

Die ersten 2 Wochen

Endlich komme auch ich dazu ein paar Saetze zu schreiben. Es stresst mich jedoch fast ein bisschen, wenn ich Davids Eintrag lese. Diese Vorlage ist kaum zu uebertreffen, schon nur weil er im Schreiben schon immer ein Ass gewesen ist. Wenigstens hat er die Beschreibung der Orte uebernommen und ich muss nur noch ergaenzen, was ich erlebt habe. Also schreibe ich einfach mal los und hoffe es wird nicht ganz so “zweizeilig”


Komischerweise war auch mein Taxifahrer etwas planlos, brauchte jedoch nicht ganz so lange wie Davids. Ich sage komischerweise, weil bei allen folgenden Taxifahrten wussten die meisten eigentlich ziemlich genau wohin. Wenigstens wartete er noch, um sicher zu gehen, dass ich am richtigen Ort gelandet bin. Es dauerte eine Weile, bis ich endlich die Klingel gefunden hatte. Das Tor, welches in die Garage und gleichzeitig zum eigentlichen Hauseingang fuehrt, oeffnete sich und eine sympathische Frau mit mittellangen braunen Haaren kam mir entgegen und stellte sich als Lucía vor. Sie begruesste mich sehr herzlich und fuehrte mich ins Wohnzimmer. Kurz danach kam auch schon meine 21- jaehrige Gastschwester Carmen um mich willkommen zu heissen. Lucía zeigte mir mein Zimmer, in welchem 2 Schraenke, ein Gestell, ein kleines Pult und ein grosses Bett   stehen. Sie wollte mir noch ein paar Unterlagen von der Schule zeigen, doch auch sie merkte, dass ich total erschoepft war und es mir schlecht ging, legte die Unterlagen beiseite und rufte Carmen, die etwas englisch kann. Mit unterdrueckten Traenen erklaerte ich ihr, dass ich Bauchschmerzen hatte und ich war wirklich erleichtert in so einer freundlichen und verstaendnisvollen Familie gelandet zu sein. Denn Lucía holte mir nach ein paar troestenden Worten einen Tee und liess mich ausruhen.
Ich schlief  bis etwa um 23 Uhr und als ich aufwachte, hoerte ich laute Musik vor unserem Haus. Als ich mich aus meinem Zimmer wagte, kam mir  meine Gastmutter entgegen und fragte mich nach meinem Befinden. Es ging mir schon viel besser und ich unterhielt mich etwa eine halbe Stunde mit ihr, so gut es halt ging (sie kann nur spanisch). Sie erklaerte mir, dass ein Nachbaarsmaedchen eine Party feiert, daher die laute Musik. Es ist sowieso immer recht laut hier und jeden Morgen kraeht irgendwo fuer ein paar Stunden ein Hahn, doch das stoert mich nicht wirklich. (manchmal hoere ich dem Hahn zu und ich hatte echt ein paar mal das Gefuehl er waere etwas heiser geworden :D )
Lucía fragte mich, ob ich am naechsten Morgen mit ihr und Carmen in die Kirche und danach zu Verwandten gehen wollte. Obwohl ich eigentlich nicht wirklich gerne in die Kirche gehe und ich Angst hatte, dass mir recht langweilig sein wuerde, stimmte ich zu, denn den ganzen Tag alleine zu Hause su verbringen waere wohl auch nicht so lustig gewesen und vorallem wollte ich nicht schon am ersten Tag ungesellig sein. Der Kirchenbesuch war dann ziemlich anders als erwartet. Anstatt eine lange langweilige Predigt, die ich von unseren Kirchen kenne, hielten die Leute dort ein Konzert mit Schlagzeug und Bass ab. Sie sangen und tanzten zu den heiligen Liedern und ich bin froh, das einmal gesehen zu haben.
Nach der Kirche fuhren wir zur Grossmutter, wo sich auch ein paar Cousinen, Tanten und Onkel aufhielten. Das Essen waere wirklich gut gewesen, aber da ich seit 2 Tagen praktisch nichts gegessen hatte, konnte ich nur sehr wenig essen. Der Nachmittag war eher langweilig und ich hieng einfach rum, schaute den Frauen beim Kartenspielen zu oder versuchte zu schlafen. Ich hatte ziemlich Heimweh und dass mich ihr Hausmaedchen mit ihrer fuersorglich liebevollen Art an Filomena erinnerte, half mir auch nicht gerade dabei, zu vergessen, dass meine Liebsten tausende von Kilometern weit weg sind. Irgendwann kam ich dann auf die Idee, zu fragen ob sie Internet haetten und so verging die Zeit etwas schneller. Etwa um 19 Uhr gingen wir nach Hause. Da ich auf den Geschmack gekommen war, fragte ich, ob ich nochmals ins Internet gehen duerfte. Keine gute Idee. Zwei Reisende aus Belgien, Sara und Gerardo, wohnten voruebergehend auch in dieser Familie und Sara war gerade am PC und erledigte wohl eine wichtige Arbeit. Jedenfalls wurde sie fast ein bisschen verzweifelt, als Lucía sie fragte, ob ich das Internet brauchen koennte. Das Ganze endete in einem Streit (sie kamen wohl schon vorher nicht sehr gut klar miteinander) und am Montag waren sie gegangen...
Ich fuehlte mich schuldig und hatte Angst, auch Probleme mit meiner Familie zu bekommen, aber Lucía beruhigte mich und erklaerte die Situation. Gerardo und Sara waren wohl sehr unanstaendig und respektlos gegenueber der Familie gewesen.
Am Abend lernte ich dann auch Pedro, meinen 17-jaehriger Gastbruder kennen, der vom Campen zurueckkehrte. Bis jetzt verstehe ich mich gut mit der Familie und bin recht froh darueber, ausser mit dem Hausmaedchen Elvia habe ich manchmal etwas Kommunikationsprobleme, weil sie einfach zu undeutlich oder zu schnell fuer mich spricht.
Am Montag hatte ich keine Probleme aufzustehen, ich war ziemlich aufgeregt. Da ich den Weg zur Schule noch nicht kannte, holte mich Eduardo (Lucía’s Bruder) ab und fuhr mich mit dem Auto bis vor die Schule J
Am Mittag hatte ich genuegend Zeit meinen Weg mit der Karte, die Lucía mir gegeben hatte zu suchen. Wenn ich zu Fuss gehe, verlaueft mein Weg dem idyllischen Flussufer  entlang. Doch ich nehme oft das Taxi, vorallem fuer die Kunst und Handwerkslektionen, weil diese nicht in der Schule stattfinden, sondern bei Fabiola zu Hause und das ist noch weiter weg als die Schule. Bis zur Schule brauche ich etwa 25 Minuten zu Fuss, den Bus wage ich mich immer noch nicht zu nehmen, vorallem weil ich nicht weiss wo und wann er faehrt. Vielleicht versuche ich es mal diese Woche, denn obwohl ein Taxi nur etwa 1.50 kostet, haeuft es sich mit der Zeit an...
Als Mittagessen gab eine Suppe mit einer komischen kleinen Art von Kartoffeln und einen Hauptgang mit Reis, Fleisch, und geraffelten Karotten. Das Essen schmeckte eigentlich gut, doch es gab am naechsten Tag wieder das Gleiche und ich bekam schon Angst, das ginge jetzt immer so weiter. Doch bis auf den Reis, der hier praktisch jeden Tag auf den Tisch kommt, blieb es zum Glueck nicht dabei.
Im Kunstkurs brachte ich trotz meiner etwas demotivierten Einstellung eine kleine Schale zustande und  war eigentlich ziemlich zufrieden am Ende des ersten Schultages.

Dienstag, 12. Februar
Am Dienstag ging das Nachtschwaermen los. Nach dem Fussballspiel, bei dem ich by the way recht nass geworden bin, gingen wir mit ein paar anderen aus der Schule in eine Bar gennant “zoociedad”. Damit ihr euch in etwa vorstellen koennt wer wer ist, beschreibe ich euch hier die Leute, die ich am meisten treffe:
Luke: ein langer, schmaler Typ aus Indiana (USA), etwa in unserem Alter, mit blonden 10-cm Haaren und einem etwas dunklen Kleiderstil mit Sicherheitsnadeln und so. Er besitzt ein paar Schlangen in Ohio, wo er im Moment wohnt

Moises: ein mitteldunkler 21-jaehriger Typ aus Mexiko, der hier ist um “Punkte” fuer sein Studium zu sammeln, da er Spanisch-Lehrer werden will. Er hat einen Kleiderstil relajado (relaxed) und ein Piercing in der Augenbraue und 2 in der Unterlippe
Nicole: War zwar an diesem Abend nicht dabei, ist aber auch eine der Personen, mit denen ich mich etwas lieber unterhalte. Sie ist 23 Jahre alt, gross, hat lange dunkle Haare und ein echt liebes Laecheln, welches mich irgendwie an Flurina erinnert :P
Sie hat gerade ihr Rechtsstudium abgeschlossen und ist angeblich auch eher undiszipliniert  (Hoffnung keimt auf)
Jack: ein grosser blonder Typ aus England, auch in unserem Alter. Hat einen typischen Akzent und macht staendig Witze, daher hoere ich ihm gern zu. Er trinkt gerne einen mehr als weniger... :P Mit 18 Jahren ist er glaube ich der Juengste der Schule.
Anna: Jacks Freundin aus den USA, die er hier kennengelernt hat. Nicht sehr gross, hat braune Haare und lacht auch gerne. Mehr weiss ich eigentlich  nicht ueber sie.
Alexandra: Sie kam anfangs letzte Woche in unsere Klasse. Sie ist auch etwa 24 und arbeitet als Krankenschwester. Sie hat braune, lange und lockige Haare, ist etwa gleich gross wie ich und erinnert mich ein bisschen an Djamilla, meine Tanzlehrerin.

Ich muss jetzt doch auch noch sie erwaehnen:
Pretty Cassie: Man nennt sie einerseits so, weil es vor ein paar Wochen noch eine andere Cassie in der Schule hatte, die “married Cassie” und vor allem!, weil sie von sich selber sagt, sie sei huebsch. Der Witz ist, dass sie ueberhaupt nicht huebsch ist und etwas unterbelichtet noch dazu. Sie ist Amerikanerin, traegt gerne kurze Roeckchen und mag Maenner Wir machen die ganze Zeit Witze ueber sie. Hier witzelt man sowieso gerne ueber andere, es kommt also sicher jeder mal dran

Im zoociedad trafen wir dann noch auf ein paar Leute aus Cuenca. Unter ihnen auch welche, die als “Sharks” verdaechtigt werden, wie mir Moises spaeter erklaerte. Sharks oder auch tiburones sind más o menos einheimische junge Maenner, die ihre Zeit damit verbringen, auslaendische Maedchen aller Art um den Finger zu wickeln und so...
Pancho: Sein richtiger Name ist, wenn ich mich nicht taeusche, Francisco. Er ist die meiste Zeit high, betrunken oder sonst nicht ganz dicht. Trotzdem erinnert er sich ziemlich gut an Ereignisse und hat es gut drauf, Frauen zu bezirzen. Obwohl er die meiste Zeit nur Unsinn redet, hoert ihm jeder gern zu, er ist einfach eine Lachnummer.
Willy: Ein meistens ruhiger Typ auch afrikanischer Abstammung. An jenem Dienstag (12. Feb.) habe ich mich etwas mit ihm unterhalten und er erzaehlte, dass er seiner Abstammung nicht ganz sicher waere, aber wahrscheinlich habe er auch wurzeln in Afrika, denn gegen Ende der Sklaverei sei ein Sklavenschiff nahe der Kueste Ecuadors gesunken und es konnten einige fluechten...so habe ich das jedenfalls verstanden. Seither habe ich aber kaum mehr mit ihm gesprochen.
Gustavo: Er sieht aus wie der Cousin vom “Prince of Belair” , ist ein ziemlicher Charmeur und tanzt gerne.
Paul: Er ist ein ziemlich easy Typ und was ziemlich wichtig ist: Er besitzt ein Auto  Er ist nicht so wirklich ein tiburòn und versteht sich gut mit Moises. Vielleicht fahren wir mit ihm nach Cajas, ein Nationalpark.

So, vielleicht kommt mir spaeter noch jemand in den Sinn, aber fuers erste waers das mal.

Mittwoch, 13. Februar
Auch heute hatten wir Kunst und Handwerkslektionen bei Fabiola. Sie ist ein sehr warmherziger Mensch und es macht wirklich Spass bei ihr. Jeden Tag gibt sie uns auch ein “Zvieri”, meist typisch cuencanisch oder ecuadorianisch. Wir trinken z.B. Cannelaso (ein heisses Getraenk mit zhumir (= Zuckerrohrlikoer), Zitronenmelissentee (té de cedron), Zimttee und heisse Schokolade mit viel ecuadoranischem Kakao und wir essen Pan de Yuca (siehe Eintrag David), eingewickelter vermantschter Mais mit Kaese (weiss den Namen nicht mehr) und Embaladas con queso (mmhhh!! Suess )
Ihr Werkraum steht im Garten und man hat einen wunderbaren Blick auf einen Baum, bei dem ganz oft gruenlich- tuerkisblaue Kolibris herumschwirren und Nektar trinken. Ich bin so fasziniert von den winzigen Tieren, dass ich einfach aufhoeren muss zu Arbeiten, um sie zu beobachten.
An diesem Abend wurden Tanzstunden in der Schule angeboten und ich ging natuerlich hin. Ich war schon ganz aufgeregt, weil ich so lange nicht mehr getanzt hatte und genoss es sehr. Wir tanzten Merengue. So richtig aufs Tanzen eingestimmt, ging ich danach an eine Salsa-Party: “La Mesa”. Leider hatte es viel zu viel Leute und zu wenig Platz. Dazu kam, dass sich nicht wirklich gute Taenzer fanden.
 
Samstag, 16. Februar
Am Donnerstag und am Freitag ging ich auch sehr spaet schlafen, deshalb war ich am Samstag fuer die Exkursion in die Wueste recht muede. Als ich nach Hause kam, fiel ich einfach ins Bett und schlief bis etwa um 20:00. Trotzdem konnte ich es nicht lassen, an diesem Abend wieder in den Ausgang zu gehen... :D

Sonntag, 17. Februar
Ich schlief sicher bis um 14:00. Danach schaute ich den grossen Rest des Tages “Friends” Meine Gastschwester hat naemlich ein paar Folgen davon :D

Die zweite Woche war ich sehr muede und ich entschied, doch etwas weniger in den Ausgang zu gehen  Vor allem vernachlaessigte ich die Schule und machte meine Aufgaben nicht immer :P Eines Tages mussten David und ich ein “Huehner-Lied” zur Strafe singen. Die anderen hatten ihren Spass.
 

Samstag, 23. Februar
Mit ein paar anderen aus der Schule, darunter Alexandra, machten wir eine Exkursion zu den Wasserfaellen (cascadas) de Girón. Nach einer Wanderung, die etwa 1,5 Stunden dauerte (und es war wirklich heiss), kamen wir an einen kleinen Weg im Wald, der zum Wasserfall fuehrte. Ich kam mir vor wie im Dschungel. Der riesige Wasserfall dort wuchtet auf die Steine und erfuellt die Luft mit Feuchtigkeit. Schon nur bei der Ueberquerung einer kleinen Holzbruecke in unmittelbarer Naehe, wird man klatschnass. Vor der Bruecke klettert man noch kurz auf glitschigen Steinen, wobei man gegen den Wind und Spruehregen des Wasserfalls ankaempfen muss. Ganz ungefaehrlich schien mir die Sache nicht, aber trotzdem blieb ich beim Zurueckgehen eine Weile auf der Bruecke stehen und genoss die atemberaubende Kraft.
Wir hatten wirklich einen guten Tag erwischt, denn es fing erst an zu Regnen, als wir wieder in Cuenca waren. Die letzten Tage hatte es naemlich immer um 13 und 14 Uhr fuer eine Weile geregnet, manchmal sogar bis am Abend.

Montag, 25. Februar
Etwas verkuerzt, aber dennoch habe ich nun etwa das Wichtigste der letzten 2 Wochen zusammengefasst. Im Grossen und Ganzen habe ich mich recht gut eingelebt, eigentlich will ich gar nicht mehr weg
Letzten Freitag hatte ich das letzte Mal Handwerksunterricht und von heute an habe ich 2 Wochen normal am Morgen plus 2 Lektionen Einzelunterricht bis um 12:45. Ich bin erleichtert, endlich mal frei zu haben an den Nachmittagen, obwohl es mir sehr gefallen hat in Fabiolas Kurs. Ich glaube, ich werde die 3 Taesschen, die ich dort gemacht habe, nach Hause schicken, es wuerde mich reuen sie hier zu lassen.
So und jetzt mache ich Schluss fuer heute, denn um halb Sieben bin ich mit Jack, Anna und Moises bei der Schule verabredet und wir gehen zusammen essen. Ich hoffe, dass ich nun, da ich etwas mehr Zeit habe, auch etwas oefter schreiben kann. Und wenn ich etwas aulassen sollte, dass ihr wissen wollt, fragt mich einfach 

Saludos
 
--Fani


 

2 Kommentare 25.2.08 23:30, kommentieren


Werbung