Galapagos (Teil 2)

Tag 4

Floreana, wie es summt und brummt. Am Morgen, nach dem Seven-Theerdy-Fruehstueck ging es auf Erkundungstour, rauf in die gruenen Huegel. Steile Haenge liessen bald Schweissbaeche fliessen, denn es war drueckend heiss. Die Muecken liessen auch nicht lange auf sich warten und machten es sich auf unseren Beinen, Armen, Ruecken und Koepfen gemuetlich. "Hut ab" an alle, die sich nebst dem Mueckenschlagen noch auf irgendwas konzentrieren konnten, ich konnte es nicht. Nur gelegentlich schnappte ich einige Brocken auf, so zum Beispiel, dass hier einst Piraten und Walfaenger in Hoehlen lebten und ab und zu mal 'ne Schildkroete als Lebendproviant aufs Schiff mitnahmen.
Alles in allem fiel der Ausflug also unter die Kategorie "Kratzen und Vergessen". Wenigstens die kalte Dusche danach enttaeuschte nicht.

Nach dem Mittagessen brachte uns "Christine" zu unserem naechsten Ziel: Isabela. Die Seepferdchenfoermige Insel ist die groesste des Galapagos-Archipels und laut Pablo ist sie auch eindeutig die schoenste. Er sollte Recht behalten.
Puerto Villamil heisst das beschauliche Dorf im Suedosten der Insel mit seinen staubigen kleinen Strassen, seinen vielen Restaurants und seinem entspannten Flair. 10 Gehminuten von unserem Hotel enfternt raekelt sich ein weisser, feiner Sandstrand zwischen Strandhaeuschen, Mangrovenwaeldern und Pazifikwasser hindurch, bis er sich irgendwo weit hinten verliert. Es gibt nicht viele Touristen, der Strand ist mehrheitlich leer. Wer will kann sich mit Surfbrett in die gemaessigt aggressiven Wellen werfen und probieren, sich wenigstens zwei, drei Sekunden auf dem Brett zu halten (was keiner unserer Gruppe schaffte; ich hatte es, in weiser Vorausahnung, gar nicht erst probiert). Man kann aber auch, wie ich es bevorzugte, den Strand hinunterspazieren, der Sonne entgegen, sanft troepfelnde "Iron & Wine" auf den Ohren, hin und wieder verwirrende Fussabdruecke setzen und sich vorstellen, wie sich spaeter vielleicht jemand maechtig darueber wundern wird und sich dabei freuen wie ein Kind. Zum-Kind-Werden geht hier sowieso so gut wie nirgends sonst. Man spielt mit Wasser, Sand und Schlamm, man kann sich melancholisch daran erinnern, wann man das zum letzten mal getan hat und sich dann fragen, wo das alles bleibt, das Spielen, das Wundern ueber die Natur und das Freuen. Geht das nur auf den Galapagosinseln?

Tag 5

Isabela hat aber nicht nur Straende, sondern auch Vulkane (natuerlich, so sind sie schliesslich auch entstanden). Fuenf Stueck insgesamt, zwei im Sueden, drei im Norden, groesstenteils immer noch aktiv, verleihen sie der Insel einen etwas ruhelosen Charakter. Den groessten und aktivsten Vulkan, den Sierra Negra, wuerden wir heute in Angriff nehmen. Sein letzter Ausbruch im Oktober 2005 war ein riesiges (opferloses) Spektakel und dessen Spuren wuerden wir heute mit eigenen Augen sehen.

Der Aufstieg war recht angenehm, mit gutem Wetter und relativ flach ansteigendem Gelaende. Durch gruene Vegetation hindurch ging es recht zuegig hinauf zum Kraterrand. Der Blick ins Innere war, gelinde gesagt, imposant. 10x9 km misst die grauschwarze Flaeche, aus der an einigen Stellen Kondenswasser aufdampft wie tausend kleine Vulkanschlote. Die Flaeche - die Caldera - liegt vielleicht 100 Meter abgesackt unterhalb des Kraterrandes, eingestuerzt vor vielen tausend Jahren.
Auf dem Rand wanderten wir zu den erstarrten Lavaauslauefen vergangener Ausbrueche, die wir nach dem Mittag unter Pablos Leitung eingehend betrachten durften. Die Vegetation wechselte schlagartig, dort, wo die Lavastroeme einst sich ueber die Pflanzenwelt ergossen und nichts zurueckliess ausser erstarrtes poroeses Gestein. Aber die Natur ist so erpicht auf Leben, dass selbst hier, irgendwie, die Pflanzen zu wachsen vermoegen: Kakteen und Buesche im offenen Lavafeld, Moose und Farne in regenfeuchten Kratern und "lava tubes", erstarrte, hohle Lavatunnel, die sich durch die Landschaft schlaengeln. Einfach unglaublich, wie man in diesem so lebensfeindlichen Umfeld ploetzlich gruene Oasen in Hoehlen findet, Mikrowelten isoliert und ganz fuer sich. Aber sie funktionieren.
Der Abstieg war dann nicht mehr ganz so schoen, denn es fing an zu regnen und der sowieso schon recht schlammige "Pferdeweg" wurde noch tiefer und matschiger. Aber mit unseren Trekkingschuhen und den Regenjacken waren wir bestens ausgeruestet und kamen heil wieder unten an.

Der Abend wurde standardmaessig in "Beto's Bar" am Strand verbracht, mit viel Mueckenspray (zwar nicht so schlimm wie auf Floreana aber nach Sonnenuntergang waren die Biester auch hier recht aufdringlich) und einigen Flaschen Bier. Und Caipirinha.

Tag 6

Der zweite Ausflug auf Isabela fuehrte uns zu der Wall of Tears (Mauer der Traenen), ein 100 Meter langes, 7 Meter hohes Konstrukt aus vulkanischem Gestein. Gebaut wurde die Wall of Tears von Straeflingen, die von 1946-1959 hier auf Isabela in einer Strafkolonie festgehalten wurden. Der Name ruehrt von den vielen Opfern, die dieses eigentlich gaenzlich nutzlose Gebilde gefordert hatte: Viele der Gefangenen starben wegen Krankheit oder Erschoepfung bei ihrer Beschaeftigungsarbeit, einen Brocken auf den anderen zu legen.
Also, nicht nur schoene Sachen sind hier auf den Galapagosinseln passiert und auch das war eine gute und wichtige Erfahrung.

Vor der Ueberfahrt zur naechsten und fuer uns letzten Insel, bekamen wir die Moeglichkeit, noch einmal die wundersame Unterwasserwelt der Galapagosinseln zu betrachten, auf dem letzten Schnorchelgang der Tour. Da mich aber gerade ein ziemlich hartnaeckiger Sonnenbrand plagte, beschloss ich, das Schnorcheln auszulassen und mich stattdessen in eine der Haengematten im Innenhof des Hotels zu legen und statt Pinguinen und Mantarochen lieber den Wolkenschaefchen zuzuschauen. Deshalb hier leider keine weiteren Schnorchelimpressionen aber ihr habt ja hoffentlich auch etwas Fantasie

Nach der Rueckkehr der Schnorchler und dem Mittagessen fuhren wir auf der Christine zu unserer Endstation: zur Insel Santa Cruz. Das Hafenstaedtchen Puerto Ayora ist der eindeutig betriebsamste von uns besuchte Ort. Restaurants und Souvenirshops reihen sich nahtlos aneinander und bieten dem konsumfreudigen Touristen mehr als genug Moeglichkeiten, sein Geld loszuwerden. Aber trotz der etwas aggressiven Fassade ist der Ort eigentlich nur niedlich und entspannt und wunderbar geeignet als spaetabendliches Spaziergangspflaster.

Tag 7

Sie sind gross, schwer und wahnsinnig langsam: Riesenschildkroeten gibt es zuhauf auf den Inseln, vor allem auf Santa Cruz. Sie leben meist wild, zum Teil aber auch in Gehegen. Wir hatten die Moeglichkeit, beides zu erleben. In einer Riesenschildkroetenaufzuchtstation sahen wir die kleinsten der kleinen, gerade erst geschluepft und knapp tennisballgross. In ihrer natuerlichen Umgebung vielen Gefahren ausgesetzt, geniessen sie hier groesste Aufmerksamkeit und Schutz, so dass sie spaeter, wenn sie gross genug sind, wieder zurueck in ihr natuerliches Habitat gebracht werden koennen. Dort werden aus den Tennisbaellen riesige gepanzerte Klopse, bis zu 400 kg schwer und irgendwie durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Wahrscheinlich liegt in der Ruhe auch das Geheimnis zu ihrem schier unglaublichen Lebensalter: die aeltesten Exemplare werden auf ueber 150 Jahre geschaetzt.
Wer dann in die Augen eines solchen Titanen sieht, der glaubt ihm dieses Alter auch sofort; eine grosse Tiefe liegt in diesen Augen, viel Weisheit, auch viel Schmerz und menschenverursachtes Leid. Man kann sich leicht in ihnen verlieren.

Nach den Riesenschildkroeten wartete eine begehbare "lava tube" auf uns, mit etwa 1km Laenge. Ein bisschen wie Indiana Jones fuehlte ich mich, als wir durch die dunklen, feuchten Woelbungen schritten, durch die vor sehr, sehr langer Zeit einmal fluessige Lava floss.

Es folgte der letzte Abend auf den Galapagosinseln. Natuerlich kam er schon viel zu frueh und niemand haette sich ueber ein paar zusaetzliche Tage beschwert aber so sind Reisen nun mal: sie gehen irgendwann zu Ende.
Das gemeinsame Essen war spektakulaer: Thunfisch, Fleisch und Gemuese wurde auf heissen Lavasteinen serviert und gebraten, so dass dicke, wohlriechende Dampfwolken sich ueber den ganzen Tisch verbreiteten. Wie zart alles war, ich darf gar nicht daran denken...

Spaeter, ich verabschiedete mich etwas frueher von der Tafelrunde, genoss ich den goldig gluehenden Abend fuer mich allein bei einer frischen bestrohhalmten Kokosnuss im Dorfzentrum und liess ein letztes mal die einzigartige Galapagosatmosphaere auf mich wirken.

Tag 8

Letzter Tag, Tag der Abreise. Am Vormittag besuchten wir "Lonesome George", eine Riesenschildkroete, die als letzte ihrer Art existiert und deswegen ganz schoen einsam ist. Lonesome George ist in der Charles Darwin Research Station untergebracht und lebt dort seine letzten Tage in (trauriger) Beruehmtheit. Menschliche Ignoranz hatte seine Art an den Abgrund gebracht und er als letzter Ueberlebender ist imposantes Mahnmal unseres zerstoerenden Tuns. Schwerfaelllig, anklagend und einsam zieht er jetzt in seinem Territorium umher. Irgendwie hatte ich das Gefuehl, mich bei ihm entschuldigen zu muessen. Armer George.

Am Flughafen merkte ich, wie der technologieschwangere, naturferne Alltag wieder seine haesslichen Klauen nach uns ausstreckte. Turbinengebrumm, Metalldetektoren, Flughafengetummel. Die Wunder krochen zurueck, um dem Mondaenen platz zu machen, das kindliche Staunen machte Platz fuer genervtes Ertragen des Gegebenen und die anonyme Masse heisste einem aufs Neue willkommen. Das wars also, Galapagos, schoen dich kennengelernt zu haben. Dein Geheimnis, zum Glueck, ist sicher verstaut, tief in unseren Herzen und Koepfen, geschuetzt vor allen Klauen.

Wir hatten viel gesehen und erlebt in diesen paar wenigen Tagen. Eine komprimierte, konzentrierte Erlebniswoche mit fast schon zu vielen Eindruecken, um sie alle richtig wuerdigen zu koennen. Wenn ich jetzt zurueck denke an unsere Zeit auf den Inseln kommt mir alles ein bisschen vor wie im Traum. Es war eine Woche, in der wir sehr intensiv mit der Natur in Beruehrung kamen, wo uns kleine und grosse Wunder des Lebens gezeigt wurden, die uns zum Nachdenken brachte. Da tauchten ganz existezielle Fragen (wieder) auf, ueber Ursprung und Sinn dieser Welt, aber auch praktische Fragen ueber Verantwortung und Sorgfalt mit der Natur. Da offenbarten sich persoenliche Fragen, zum eigenen Ich, zum Kind in Sich, zum wertvollen Akt des Wunderns und spielerischen Entdeckens. Und auch Fragen des sozialen Zusammenseins, von Sorgfalt zu einander, vom gemeinsamen Geniessen.

Es war nicht das, was wir uns vorgestellt hatten, es war nicht schlechter oder besser, es war einfach vollkommen anders und einzigartig. Galapagos als Erfahrung war fast so weit entfernt von anderen Erfahrungen wie der Archipel vom Kontinent. Und fuer uns, als Menschen, sicher ebenso wertvoll.

--David

6.5.08 01:44

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(6.5.08 02:14)
David, einen ganz grossen danke schön für Galapagos 2. Es ist einmalig, was du uns beschreibst und es ist einmalig, wie du es beschreibst - ich kann nicht sagen welches von beiden mir das grössere genuss bereitet hat. nach der halbzeit von eurer reise muss man wahrscheinlich auch schon sagen, dass ihr / du die kunst des reisens beherrschst, doch betreffend deine kunst des schreibens bestehen definitiv keine zweifel.
alle gute wünsche an euch beide,
j.


ruth (6.5.08 08:23)
David, ich bin sprachlos. Mich hat dieser Bericht tief berührt. Danke.
Ruth


Peter (6.5.08 10:25)
Sitze im heute verregneten St Jean du Gard am Fusse der Cevennnen und beim Lesen dieser Zeilen geht mir die Sonne auf. Machts gut ihr beiden.

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