Dem Teufel auf der Nase herumtanzen

Der Nariz del Diablo ist eine Attraktion. Einerseits wegen der spektakulaeren gruenen Andenlandschaft, andererseits wegen der (in Ecuador soweit ich weiss einzigen) Zuglinie, die, von Riobamba nach Simbambe fuehrend, hier auf einem ausgekluegelten System von Spitzkehren mehrere hundert Hoehenmeter auf kleinster Strecke ueberwindet. Besonderer Clou dabei: Wer will und vor allem Platz findet, der kann es sich auf dem Dach des Zuges, mit 360º Rundumblick "bequem" machen

Wir waren ziemlich skeptisch eingestellt, sind solche exklusiv fuer Touristen gedachte Veranstaltungen doch immer... naja, verdammt touristisch halt. Haette die Zugstrecke nicht sowieso auf unserem Weg von Baños nach Cuenca gelegen, ich glaube kaum, dass wir deswegen groessere Umwege in Kauf genommen haetten. Aber wenn man schon mal da ist waers ja doof, sich wegen einer Handvoll schmerbaeuchiger Bauchtaschentouristen ein potentiell sehr schoenes Erlebnis entgehen zu lassen. Also, Ticket gekauft und ab dafuer.

Nach der naechtlich-fruehmorgendlichen Busfahrt von Riobamba nach Alausi standen wir dann also im Bahnhofhaeuschen, zusammen mit vielen anderen, zu unserer Erleichterung auch aus juengeren Reisenden bestehenden Touristen aus In- und Ausland. Unsere Rucksaecke durften wir im Gepaeckraum lassen, unter eher sporadischer Aufsicht eines Bahnhofwaerters. Wird schon niemand klauen.
Der Zug war dann eine kleine Enttaeuschung: es war keiner. Statt dessen wartete ein motorisiertes bahnwaggon-aehnliches Gefaehrt auf uns. Das kleine Bisschen Authentizitaet, das vom urspruenglichen Bahnerlebnis uebriggeblieben sein sollte, ging also ebenfalls floeten. Auf dem Dach gabs fuer uns keinen Platz mehr und die Fensterplaetze im Wagen drin waren auch schon alle besetzt, so dass wir uns mit Gangplaetzen mit beschraenkter Aussicht begnuegen mussten. Leise Frustration stieg auf. Waehrend der holprigen, vom roehrenden Motorgeraeuschen begleiteten Talfahrt sahen wir dementsprechend wenig. Fani erwischte immerhin einen Platz auf der rechten, talzugewandten Seite, waehrend an meinem Fenster nur oede Felswaende vorbeizogen. Auf dem Weg nach unten hielt der Wagen einige male an, so dass wir aussteigen und Fotos machen konnten. Und die Landschaft entschaedigte schon ziemlich viel. Na gut, wir hatten ja schon einiges an Andenhochland gesehen und waren deshalb vielleicht nicht ganz so geplaettet vom bilderbuchhaften Panorama wie die ganz gruenohrigen Touris. Aber doch, die idyllischen grasbedeckten Huegel, die Wasserfaelle, die an steilen Abgruenden in die Tiefe fallen, der makellose Postkartenhimmel, das alles war die 8 Dollar wert, die der Ausflug kostete.
Unten im Tal wurden dann die Plaetze gewechselt, die vom Dach mussten rein und die von drinnen durften rauf. So jedenfalls die Theorie, ganz alle Gewillten schafften es dann doch nicht auf die gitterumrandete Plattform; ich murkste mich ganz zum Schluss noch rauf und fand nur noch mitten im Getuemmel Platz, waehrend Fani ihre Beine ueber den Rand baumeln lassen konnte. Wegen der Aussicht kein Problem, die war auch von meinem Platz aus ganz fantastisch, nur so ganz bequem war es nicht. Das hatte vor allem einen Grund, und dieser Grund ging mir proportional zu den gewonnenen Hoehenmetern immer mehr auf die Eier ('tschuldigung). Hier eine Skizze des Daches aus der Obenansicht:

 ____
{<^>}
{<«#}
{F@>}
{<^>}
{<^>}
{<^>}
{<^>}
 ¯¯¯¯

Legende:

{ } _  : Umrandung
<  ^  >: Passagiere in der entsprechenden Sitzrichtung
F: Fani
@: Mein Oberkoerper
«: Meine Beine, angewinkelt
#: Grund meines Problems

Also, nehmt euch Zeit die Skizze eingehend zu studieren, sie wird sich fuer das Verstaendnis folgender spektakulaeren Schilderungen als unumgaenglich zeigen.
Der Grund meines Problems sass also rechts meiner Beine. Hinter der Fassade einer aelteren, dicken Frau vermute ich den Teufel hoechstpersoenlich, meine Recherchen konnten dies bisher aber nicht hundertprozentig beweisen. Die Frau sprach spanisch und kreischte waehrend der ganzen Fahrt immerzu wie ein Sportreporter in ihre Kamera, um auf besonders beeindruckende Wasserfaelle, besonders runde Huegel, besonders gruene Grashalme, besonders harte Steine und die besonders helle Sonne aufmerksam zu machen, sprich: auf alles. Danke schonmal dafuer.
Als waere das allein nicht schon fast Grund genug, mich verzweifelt vom Wagen zu werfen, verwechselte sie meine Beine auch noch mit einer bequemen Rueckenlehne. Statt wie alle anderen ihre Beine ueber den Rand baumeln zu lassen, rutschte sie mit der Zeit immer mehr nach hinten, so dass ihre dicken Beine zum Schluss voellig gestreckt auf der Plattform lagen und ihr Ruecken gegen meine jetzt schon ungesund verrenkten Beine drueckten. Nach anfaenglicher Gegenwehr in Form von Gegendruecken und angesetzen Kniestoessen in ihren Ruecken, die unter dem massiven Gewicht ihres an mich lehnenden Koerpers aber leider nur Ansaetze blieben, gab ich mich schliesslich meinem unbequemen Schicksal hin und hoffte, oben ohne schwerere Muskelzerrungen vom Dach steigen zu koennen (was gluecklicherweise der Fall war)

Trotzdem war der Ritt auf dem Wagendach und der Nariz del Diablo als Ganzes eine beeindruckende Sache und haette ich meine Kamera nicht zwei Wochen spaeter in Peru verloren, haetten meine Fotos und Videos das auch belegen koennen :/ (Kamera mittlerweile ersetzt, trotzdem doof).

Das wars von da, bis zum naechsten Eintrag,

--David

 

16.5.08 02:07

Werbung


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(16.5.08 15:07)
Hey david, wir haben hier die schönsten frühlingstage, aber der heutige ist durch dein @mail noch schöner, vor allem lustiger, geworden - das lachen tut einem jeden gut und dein beschrieb liefert die besten zutaten dazu: merci viu mau.

es geht wahrscheinlich im ähnlichen still weiter, das wünsche ich euch jedenfalls. gut, dass die kamera ersetzt worden ist (hoffentlich hat fani aus dieser zeit ein paar bilder zur ergänzung?), denn zu erzählen und zum zeigen wird's genug geben....

habt es glücklich und schön, grüsse und küsse, j


Ruth (20.5.08 12:04)
Ich habe die Skizze eingehend studiert, und mit meiner Fantasie kann ich mir diese Szene ganz gut vorstellen. Mitfühlend und schmunzelnd habe ich diese n Ausflugsbericht gelesen...
Heit sus güot und ä hüfu liäbi Grüossjini an dich David und an Fani


Ruth (26.5.08 10:05)
Viel Glück und alles, alles Gute zu deinem Geburtstag, lieber David. Ma
(s.Mail)

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen


Werbung